Der Toast Hawaii und sein kultureller Hintergrund
Irgendwann Mitte der 60er Jahre muss meine Mutter einen neuen „AEG Elektroherd interform DELUXE“ bekommen haben. Mutmaßlich 1965, zur Hochzeit. Woher ich das weiß? Es gab ein Kochbuch dazu, das ich in ihrem Nachlass gefunden habe. Zum Glück gab es auch dazu gleich noch eines von Dr. Oetker, nämlich das Standardwerk „Die kalte Küche“. Vier Seiten Mayonnaise-Rezepte, Käseigel und „Schlemmerhappen Florida“: Wenn man in diesen Werken blättert, fühlt man sich wie in einer Zeitmaschine. In den 60er Jahren war wahrscheinlich die größte Zeit von Dosenobst und Schinkenröllchen, farbenfroh prangte die irgendwie chemisch leuchtende Cocktailkirsche auf dem Hawaiitoast, und schlotzig lauerte die Mayonnaisedeko am „Russisch Ei“. Die Bildästhetik und Bildqualität in diesen Büchern wird wahrscheinlich heute bei der Ausbildung von Food-Stylisten unter „wie man es besser nicht machen sollte“ herangezogen. Im Vorwort heißt es: „Viele praktische Winke vermitteln die Kenntnisse, die es auch der weniger erfahrenen Hausfrau ermöglichen, ihren Lieben und ihren Gästen köstliche Leckerbissen zu servieren.“
Ja, die Hausfrau. Die findet sich auch in den Illustrationen wieder, wie sie dem müde heimgekehrten Gatten (mit Krawatte und Manschettenknöpfen) einen duftenden Teller serviert, glücklich lächelnd selbstverständlich. Doch auch diese Küchenkultur im Spannungsfeld von „Zigeunersalat“ und „Heringsfilets in Remouladensauce“ blieb, wie alle Moden, eine Episode. Glücklicherweise. Gleich danach läuteten Römertopf, Fondue und Aioli die 70er Jahre ein, die dann irgendwann in den 80ern in die Quiche- und Pesto-Ära übergingen. Spätestens seitdem ist das bunte Buffet-Futter irgendwie nostalgisch. Und was nostalgisch ist, wird irgendwann kultig.
Vor einigen Jahren an Silvester hatte meine Freunde und mich dieser Kult erreicht. Am letzten Tag des Jahres sollte es ein Retro-Buffet im Stil der 60er Jahre geben. Bedingung: Aus einem alten Kochbuch mit den Original-Zutaten musste die Kreation sein, also unbedingt Ananas und Mandarine aus der Dose, Spargel aus dem Glas, der Nudelsalat mit Mayo, überhaupt: viieeel Mayo! Ich machte es mir einfach. Ich kreierte den klassischen Toast Hawaii. Der ist schon etwas älter und gilt als Erfindung des ersten Fernsehkochs in (West-) Deutschland, Clemens Wilmenrodt in den 50er Jahren. Die „Süddeutsche Zeitung“ analysierte dieses Gericht sehr globalgalaktisch: Südfrüchte aus der Konserve hätten für deren Verfügbarkeit unabhängig von der Jahreszeit gestanden, das Toastbrot für Amerika, der Kochschinken für Bürgerlichkeit. Ob ich das damals mit zehn Jahren im Schullandheim auch so differenziert betrachtet habe, bezweifle ich. Aber die Tage mit Toast Hawaii wurden dort immer sehnsüchtig erwartet. Zuletzt begegnete mir der Toast Hawaii als junger Erwachsener in den 1990er Jahren im Saarbrücker Traditionsgasthaus „Hau“, in dessen Nähe ich damals wohnte – und wo ich unbedingt mal wieder hin muss.
Und dieses Gericht geht schon immer immer und auch für alle Zeiten so:
(Für 4 Personen)
8 Scheiben Toast
8 große Scheiben Kochschinken
8 Scheiben Schmelzkäse
8 Scheiben Ananas aus der Dose
8 Cocktailkirschen
Butter
Backofen auf 220 Grad vorheizen, Toasts antoasten, mit Butter bestreichen, mit Schinken, Ananas und Käse belegen. 10–12 Minuten auf einem Blech mit Backpapier im Ofen überbacken, dann mit der Cocktailkirsche krönen und servieren. Ganz Verwegene streuen noch etwas Paprikapulver über den zerlaufenen Käse.
Wir haben das Kult-Buffet übrigens nicht wiederholt. Der geschmackliche Spagat zwischen unserer heutigen Küche und Dosenobst war dann vielleicht doch etwas schmerzhaft. Aber Fondue könnte man ja vielleicht mal wieder versuchen. À bientôt!
p.s.: Damit da keine Zweifel aufkommen: Meine Mutter war eine großartige Köchin!

