Das Leben ist zu kurz, um diesen Wein zu verpassen
Wie bitte? Elbling? Lange so irgendwie ein in die Jahre gekommener Außenseiter unter den deutschen Rebsorten. Bis jetzt. Ein junger Rebenflüsterer von der Mosel hat ihn wachgeküsst und das Ergebnis ist ein mehr als schöner Sonntagswein.
Wie der römische Legionär wohl hieß, der vor über 2000 Jahren die Rhône aufwärts über die Saône an die Mosel reiste und die ersten Rebstöcke im Gepäck hatte? Wir werden es nie erfahren. Auch nicht, wann das exakt passierte. Aber höchstwahrscheinlich handelte es sich bei den Rebstöcken um den Vorläufer des heutigen Elbling. Mit der Elbe hat dieser Name übrigens nichts zu tun, sondern er kommt vom lateinischen Wort „Albus“ (weiß). Trier war damals ein bedeutender Standort des Imperium Romanum. Und weil sich die Römer hier schicke Landgüter und XXL-Villen bauten, fielen ihnen die sonnenreichen Uferhänge in den Flusstälern von Saar und Mosel schnell ins Auge, um auch vor Ort zu erzeugen, was sie so liebten: Wein!
Kaiser und Könige kamen und gingen über die Jahrhunderte, aber der Elbling ist geblieben. Lange war er die Leitrebe im gemischten Satz, also einer bunten Cuvée der jeweiligen Weinberge: Wurde der Elbling reif, begann die Lese auch für alle anderen Sorten. Erst im 19. und 20. Jahrhundert musste er wegen des Wechsels zum sortenreinen Anbau den Erfolgsreben Riesling und Silvaner weichen. Später wurden die Elblingbestände zugunsten der beliebten Burgundersorten von Auxerrois bis Chardonnay weiter reduziert. Und durch das wärmere Klima sind es jetzt sogar südliche Einwanderer wie Viognier, die die Hänge der Mosel erobern. Doch da, wo unser alter Römer vielleicht mit seiner Galeere angelegt hat – an der Obermosel im Grenzbereich zwischen dem heutigen Saarland, Lothringen und Luxemburg –, gibt es noch größere Bestände. Und da ist mir der Elbling auch zum ersten Mal begegnet.
„Das Leben ist zu kurz, um Elbling zu trinken“, dieser Spruch so mancher Moselwinzer klingt mir noch in den Ohren. Zu einfach und aromatisch zu zurückhaltend ist die alte Ur-Rebe der Römer für den heutigen Geschmack. Immer hatte ich die leise Vermutung, dass eines Tages jemand kommen würde, um das Gegenteil zu beweisen. Denn die Welt des Weins ist voller Überraschungen: Immer wieder kommen und gehen große Trends, immer wieder entdecken junge Winzer ein spannendes Terroir und erwecken vergessene Rebsorten zum Leben. So ging es mir kürzlich, als ich bei einem exzellenten Weinhändler (Pinard de Picard in Saarwellingen) vor einer 2023er Flasche Elbling Alte Reben stand. Wenn jemand auf alte Reben beim Elbling setzt, dachte ich, will er aus der Rebe rausholen, was möglich ist.
Ich nahm eine Flasche mit und sollte Recht behalten. Hätte ich doch nur zwei Flaschen oder besser eine ganze Kiste mitgenommen! Jonas Dostert aus Nittel ist es gelungen, aus dem nur noch wenig beachteten Elbling ein kleines Aromen-Kunstwerk hervorzuzaubern. Als so eine Art „Deutscher Muscadet“ sehen ihn die Weinprofis von Pinard de Picard in Saarwellingen. Und tatsächlich überzeugt dieser Wein von 40-jährigen Rebstöcken durch eine spürbare, jedoch sanfte Struktur, Frische, zarte apfelig-hefige Süße und cremige Finesse. Diese subtile Power im Glas hätte ich niemals von einem Elbling erwartet. Dieser Sonntagswein liegt preislich um 18 Euro.
Jonas Dostert ist in seinen 30ern, in der Welt des Weines schon gut herumgekommen und will mit 2,8 Hektar nur die Fläche bearbeiten, die er auch selbst ohne nennenswerte Hilfe bewältigen kann. Ob Junger Wilder, Bio- oder Naturwinzer – Dostert scheint von allem etwas zu sein und passt doch in keine dieser Schubladen wirklich. Aber schon diese eine Flasche hat mich wirklich neugierig gemacht. Da sollte ich mal vorbeischauen. À bientôt!
P. S.: Nur ganz wenige Kilometer von Jonas Dosterts Weingut entfernt liegen die Ruinen und Mosaiken einer riesigen Villa aus römischer Zeit. Rundherum erheben sich Weinberge auf beiden Seiten des Flusses. Wenn ich wieder dort bin, werde ich ein Glas auf den unbekannten Legionär trinken, der diese Reben mitgebracht hat. Vielleicht einen Elbling aus Nittel. Denn das Leben ist zu kurz, um diesen Wein zu verpassen!